08.10.2009

"Alpines Sportklettern und Umweltbildung", das war das Thema welches ich mir für meine turnusmässige Fortbildung ausgesucht hatte. Nachdem ich am Freitag den 18.9. den Gerhard in Allersberg und die Jenny in München aufgelesen hatte ging's natürlich nicht ganz staufrei Richtung Griesenau am Wilden Kaiser.

Auf der Fahrt zur Griesener Alm hatten wir sie alle im Blick: Predigtstuhl, die mächtige Fleischbank Ostwand und der dahinterliegende Gebirgszug des Haltstocks. In einer guten Stunde hatten wir dann auch noch den Aufstieg zum Stripsenjochhaus geschafft, pünklich zum Abendessen. Es gab übrigens Linsen mit Würschtl und Knödel, was sich im nächtlichen 10 Betten Lager bitter rächen sollte.

Nach dem Essen - nein, keine Hüttengaude - sondern ein erstes Kennenlernen der Gruppe und Besprechung des Wochenendprogramms. 10 Teilnehmer, davon 2 weibliche und die Bergführer Oliver und Hias, eine ungezwungene und angenehme Truppe.

Der Samstag begann mit strahlendem Sonnenschein und viel Kaffee, schliesslich hatten wir eine anstrengende Nacht mit üblem Geschnarche und genau so schlimmen Folgen der Linsen überstanden.

Alpines Sportklettern, was ist das? Nun ist der Kaiser nicht gerade bekannt für Sportklettern, eher für lange, manchmal brüchige und schlecht abgesicherte Alpintouren. Die Gedenkstätte im Tal mit sehr vielen Abgestürzten spricht Bände. Was viele nicht wissen, im Wilden Kaiser haben sich Bohrhakengegner und Befürworter auf ein vernünftiges Sanierungskonzept geeinigt. So sind in den letzten Jahren viele Routen mit gebohrten Standplätzen und dem einen oder anderen Zwischenhaken saniert worden. Daneben sind etliche neue recht gut gesicherte Routen entstanden. Und damit wir wieder beim Thema sind, auch etliche Mehrseillängenrouten mit nahezu sportklettermässiger Absicherung.

Ein solches Gebiet ist die Wildangerwand mit 17 bis zu 4 Seillängen langen Routen in unteren bis mittleren Schwierigkeitsgraden. Das ist unser heutiges Ziel. In zwei Gruppen steigen wir ein und sind bald zu fünft am ersten Stand. Ziel ist es das Chaos aus Zwillingsseil und Einfachseil so gering wie möglich zu halten um bei maximaler Sicherheit ein geordnetes Weiterklettern zu ermöglichen. War bis vor einigen Jahren das Kräftedreieck Stand der Dinge beim Standplatzbau, wird heute in der Regel eine sogenannte Reihenschaltung aufgebaut. Das Chaos wurde meisterhaft gelöst und nach 3 Seillängen ging es an den geordneten Rückzug.

Nach dieser vom Bergführer überwachten Übung machten wir uns an den Spassteil des Tages: Eine Route aussuchen und wenn möglich "Rotpunkt" klettern. Jenny und ich tigerten lange an der Wand entlang und entschieden uns für eine optisch tolle Linie, die Route "Plaisier". Ich führte die erste Seillänge, die gleich mit der Schlüsselstelle aufwartete, eine Reibungsplatte wo nur gut stehen und Gleichgewicht gefragt ist. Jennys Zuspruch von unten "Gleich ist es vorbei!" ließ in mir die Vorstellung aufkeimen, gleich an einem Reibeisen entlang zu schrabbern. Aber es ging gut. Die zweite Seillänge ganz anders: Kantenklettern an einem schönen Pfeiler, Genuß pur. Dann das Finale mit einer 50 m Seillänge, die alles hatte. Reibungseinstieg, Überhang und Verschneidungskletterei. Nach dem Abseilen noch die gemütliche erste Seillänge vom "Schattenspiel" und dann ab in die Hütte. Um 10:00 Hüttenruhe und irgendwie haben die Linsen bei so manchem in dieser Nacht immer noch nachgewirkt.

Sonntag. Der Blick aus dem Fenster verheißt nicht Gutes: dicker Nebel. Wir steuern nochmal die Wildangerwand an. Unterwegs fragen uns 2 junge Burschen wo denn der Einstieg vom Fleischbank Nordgrat ist, klar bei Sichtweiten von 50m. Am Fels angekommen die Ernüchterung, der Fels ist nicht feucht, sonder patschnass vom Nebel. Klasse sagt unser Bergführer Hias, dann können wir Bergrettung machen wie im richtigen Leben. Wieder geht es hoch um zu fünft am Stand zu sein. Ich bin erst mal das Opfer und Gerhard mein Retter. Mittels Schleifknoten und Seilverlängerung werde ich (mit einem mulmigen Gefühl im Bauch) abgelassen. Spätestens als Hias den Gerhard aufforderte doch von dies und jenem die Finger zu lassen, mache ich mir Gedanken ob meine Lebensversicherung auch hoch genug ist. Aber auch das geht gut und nach mehrmaligem Retten sind wir wieder unten.

Den Abschluß bildet eine Lehrstunde in Erdgeschichte mit Blick auf den jetztigen Zustand unserer Berge und den Umgang mit diesen, was einen Teilnehmer zu folgendem Witz nötigte:

Sagt der eine Planet zum Anderen: "Du, ich hab Menschen".
"Und, was tust Du dagegen"
"Ach nichts, die gehen von alleine wieder"

Thomas Haas