Nachstiegskurs im Elbsandstein

Nachstiegskurs im Elbsandstein23. bis 25. August 2019
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Originalbericht von Johannes und Eva
Nachstiegskurs im Elbsandsteingebirge vom 23.08.2019 bis 25.08.2019
Freitagabend ging es mehr oder weniger pünktlich in der schönen Stadt Wehlen am Elbufer los. 18:00 Uhr war Aufbruch zur Hütte Haldenhof, die zwischen Wehlen und Rathen an der Elbe liegt und ein guter Ausgangspunkt für Touren in die vordere sächsische Schweiz ist.

Nach der längeren Anreise der 8 Teilnehmer gab es zunächst eine vorbereitete Stärkung in Form von Nudeln mit Zucchini, Pilzen und Tomaten und Tortillasalat. Nach dem Abendessen auf der Hütte ging es zu einer Wanderung zu einer einsamen idyllischen Aussicht. Danach teilte sich die Gruppe auf. Ein Teil ging noch zur Basteibrücke, der andere Teil zurück zur Hütte. Am späteren Abend zeigte Jörg im Freiluftkino den Film „sächsische Delikatessen“, in dem er einige „Kotzbrocken“ besteigt. „Kotzbrocken“ sind Wege, die der normale Kletterer nicht klettert, weil brüchig, sandig und botanisch wertvoll. Doch es gibt einige wenige Kletterer, die genau solche wenig begangenen Wege klettern und extra dafür eine „Kotzbrockenliste“ erstellt haben. Nach dem Film wurde in der einfachen Unterkunft übernachet. Am nächsten Morgen gab es vorbereitetes Frühstück mit reichlich Essen. Am Abend zuvor hatte man noch ausgemacht, dass es zu einem 38 Meter hohen Felsen geht. Jörg stieg zügig in eine Sternchen-Drei ein. Sternchen-Wege sind meist besonders empfehlenswerte und schöne Wege. Der Weg endete vorerst auf dem Vorgipfel. Dort wurde den Nachsteigern das Nachholen mit Halbmastsicherung beigebracht. Nach einem Übertritt auf den Mittelpfeiler und etwas moralischem Sprung landeten alle Nachsteiger auf dem Hauptgipfel. Johannes stieg ebenfalls in eine Sternchen-Drei ein, die größtenteils Kamin- zum Teil aber auch Wandkletterei forderte. Der große Vorteil dieser Route war, dass sie direkt an der Nachholstelle am Hauptgipfel endete. Mit Klettern war es jedoch noch nicht vorbei, schließlich musste das Gipfelbuch und die Abseilstelle erreicht werden. Folglich kletterten alle noch ab, um die Abseilöse zu erreichen. Nach einer Abseilübung an einem kleineren Felsen, stieg Denis mit seiner Gefolgschaft in einen Doppel-Sternchen-Weg, der sehr schön ist und über einen Pfeiler direkt das Gipfelbuch erreicht, ein. Dieser Weg ist mit V in der sächsischen Skala bewertet. Vom Gipfel hatte man hervorragende Aussicht. Nach zweimaligem Abseilen hatten alle wieder festen Boden unter den Füßen. Jörg stieg anschließend in einen Riss ein, mit erster Zwischensicherung in Form einer Schlinge in etwa 10 Metern Höhe. Anscheinend hat dies die Nachsteiger so sehr abgeschreckt, dass nur Ludwig nachstieg.
Weiter ging es zu einem weiteren hohen Kletterfelsen. Jörg stieg in einen Weg ein, der das Prädikat schön trägt und mit der Schwierigkeit VI bewertet ist. Denis kletterte einen ebenfalls sehr schönen Weg im V. Schwierigkeitsgrad. Johannes widmete sich wieder der Kamin- und Wandkletterei und stieg in einen Weg im III. Schwierigkeitsgrad ein. Alle drei Wege gehen über zwei Seillängen zum Gipfel und enden im Alten Weg. Denis Weg hatte eine Querung parat, der alte Weg einen Übertritt vom Vorgipfel, den Eva und Hanna aber gut meisterten. Nach diesem Klettertag wurde in geselliger Runde an der Hütte gegrillt. Fleisch gab es genug und auch die Vegetarier kamen nicht zu kurz. Im Anschluss zeigte Jörg einen Bildervortrag über Rissklettern in China und einen humorvollen Film über die Besteigung des Teufelsturm, einem der schwersten Gipfel der sächsischen Schweiz.
Am nächsten Tag gab es wieder vorbereitetes Frühstück, dann wurde die Selbstversorgehütte aufgeräumt und es ging relativ pünktlich um 9:00 Uhr zum Hirschgrund. Denis stieg eine wunderschöne Kantenkletterei im V. Schwierigkeit vor. Mit als Nachsteigerinnen dabei waren Brigitte, Hanna und Karin. Johannes stieg in eine Kletterei ein, die am Absatz des Talweges begann und ebenfalls mit V bewertet ist. Seine Nachsteigerin war  Andrea. Oben auf dem Gipfel machte Andrea Yoga-Übungen vor imposanter Kulisse.
Anschließend stieg Denis noch in eine für sächsische Verhältnisse relativ gut durch Ring gesicherte Wandkletterei ein. Diese ist mit VIIa auf der sächsischen Skala bewertet. Doris konnte noch fastalles nachsteigen ohne abseilen zu müssen und kam dann auch ohne abseilen auf Ihre Kosten.
Die andere Seilschaft mit Jörg und den Kursteilnehmern Ludwig, Rudi, Thomas und Eva waren indes an einem anderen Turm zugange. Jörg bescherte Ihnen ein Klettererlebnis der sächsischen Art:
Ultimativer Nervenkitzel im Elbsandstein oder „Schlimmer geht immer“
oder in Jörgs Worten: ein ganz normaler Sonntag
Ein Klettererlebnis der sächsischen Art bescherte uns der Sonntag. Mit Jörg unserem Elbsandsteinspezialisten und den Kursteilnehmern Ludwig, Rudi, Thomas und Eva ging es zu einem Felsen, dort erforderte die Begehung einer Variante so ziemlich alles, was echtes sächsisches Bergsteigen zu bieten hat.
Wagemutig meldete sich Ludwig zum Vorstieg und unter Anleitung von Jörg verschwand er im dunklen Kamin. Mit dem Rücken an der Wand, die Füße an die gegenüberliegende Wand gestemmt, robbte er sich Zentimeter um Zentimeter den rauhen Sandstein empor. Leider hatte er am Morgen bei der Wahl seines Kletteroutfits die schmirgelpapierartige Struktur des Elbsandsteins völlig unterschätzt und so schmirgelten sich auch nach und nach seine nackten Ellbogen und Knie ab. Aber Angesichts der spärlichen Absicherung durch lediglich zwei Knotenschlingen auf 30 m Kletterhöhe, war die Sorge um blutige Knie eher nebensächlich.
Aufgeschrammte Ellbogen waren auch das Los von uns Nachsteigern, als wir uns fluchend aber tapfer durch den Kamin arbeiteten. Nach dieser Etappe erschloss sich uns auch die etwas merkwürdige Aufmachung von Jörg unserem sächsischen Kamin- und Rissexperten.
Der sächsische Kamin - ein Hautpeeling der Sonderklasse. Aber laut Jörg völlig sicher, weil man auf Grund der Enge des Sandsteinkamins nicht wirklich abstürzen kann und jegliche Ausrüstungsmängel durch persönliche Härte ausgeglichen werden können. Nun denn.
Endlich erreichten wir alle das kleine Plateau unterhalb des Gipfels, wo uns eine weitere sächsische Spezialität erwartete, die sogenannte „Baustelle“. Rudi schwante bereits nichts Gutes als Jörg nach seiner Körpergröße fragte. Und da Rudi der Größte in unserer Gruppe war, wurde er von Jörg sogleich als menschliche Leiter auserkoren. Auf einem schmalen und ausgesetzten Plateau bildete Rudi also eine Variante der Räuberleiter, über die nun unser Vorsteiger Ludwig den Gipfel mit dem rettenden Abseilring erreichen sollte. Echte Teamarbeit in luftiger Höhe war jetzt gefragt.
Und während das Nervositätsniveau ebenfalls in die Höhe stieg, gab Jörg seelenruhig Anweisungen, wie Ludwig über Rudis Schultern zum Gipfel klettern sollte. Mit dem Gesicht zur Wand und den Armen gegen den Fels gestemmt bildete Rudi das Fundament der sächsischen „Baustelle“ über die wir schließlich alle den Gipfel erreichten.
Rudi kletterte dann über Jörg hinauf und Jörg hangelte sich am Seil empor. - Puuh, wir hatten es geschafft und der Anspannung folgte lustige Ausgelassenheit. Nach dem obligatorischen Eintrag ins Gipfelbuch, streng nach Kletterreihenfolge, wurde abgeseilt. Erleichtert versammelten wir uns am Boden, um nun zum Rest der Gruppe zu gehen.
Wir dachten das Schlimmste sei schon überstanden, aber Jörg wäre kein echter sächsischer Bergsteiger ohne auf dem Weg noch einen weiteren Felsen „mitzunehmen“. Der Weg zum zweiten Felsen entpuppte sich als ein auf schmalen Felsbändern schlängelnder Pfad am Abgrund, auf dem wir teils nur auf allen Vieren unter Felsvorsprüngen durchkriechend vorwärts kamen. Schließlich standen wir schweißüberströmt vor Jörgs nächstem Projekt - unschlüssig, ob wir überhaupt noch zu einer weiteren Besteigung fähig wären.
Nach anfänglichem Zögern entschloss sich diesmal Thomas zum Vorstieg und wieder robbten wir über den Sandstein und schrammten einen diesmal nicht ganz so endlosen Kamin empor. Das sprichwörtliche Licht am Ende des Tunnels war schon in greifbarer Nähe, als Jörg bemerkte: “Ich sehe hier eine Schlinge“ - worauf Thomas voller Erleichterung fragte: “Wo?“ Aber Jörg hatte damit nur gemeint, dass Thomas hier doch „was“ legen könnte - nach 10 Klettermetern ohne Sicherung bestimmt keine voreilige Entscheidung.  Die Schlinge wurde also in einen Spalt gefriemelt und blieb die einzige Sicherung bis zum Gipfel. Wir Nachsteiger ließen wieder viel Haut am sächsischen Elbsandstein, die T-shirts aufgerieben und schweißnass erreichten wir den Gipfel über den sogenannten „Alten Weg“.
Ausgepowert aber jetzt schon gut gelaunt machten wir uns auf den Rückweg zur Unterkunft , wo die anderen bereits auf uns warteten. Überflüssig zu erwähnen, dass auch der Rückweg den Namen „Weg“ nicht wirklich verdiente und noch mit einigen Hindernissen aufwartete.
Um so besser schmeckte dann endlich das Bier in der Hütte.
Ein abenteuerliches Wochenende liegt hinter uns und hoffentlich behalten wir ein wenig von der sächsischen Nervenstärke, wenn der Hakenabstand in der Fränkischen mal wieder zu weit erscheint.

Autor: Johannes und Eva