August 2013

mit dem Mountainbike von Oberstdorf nach Riva del Garda

Zu fünft, das sind Andy, Bastian, Hermann, Matthias und Walter, machten wir uns in der ersten Juliwoche auf den Weg die Joe-Route zu befahren. Sie ist einer der bedeutendsten und schwierigsten Transalp-Touren und führt von Oberstdorf nach Riva del Garda. Die Strecke wurde 1995 erstmals von Achim Zahn alias Serac Joe befahren. Auf einer Länge von 420 km und 14.000 Hm bietet die Joe-Route mit dem Schrofenpass, der Uina Schlucht, der Montozzo-Scharte und der Bocchetta di Forcola zahlreiche alpine Highlights für Mountainbiker.

Tag 1: Oberstdorf – Silbertal (2.400 Hm, 72 km)
Die Übernachtung in der Oberstdorfer Jugendherberge war eine super Idee. Saubere Zimmer und ein Frühstücksbuffet mit allem, was man für einen schweren Mountainbiketag braucht. Wir rollten uns also gemütlich ein und fuhren vorbei an der Skiflugschanze ins Rappental. Entgegen kursierenden Schauergeschichten, war der Schrofenpass nur halb so wild und so hat uns ein Schild, vor den berüchtigten Aluleitern, den entscheidenden Tipp gegeben:
Tragst das Rad`l links – gelingts
Tragst es rechts – den Hals dir brechts
Nach dem Passübergang fuhren wir hinab ins Lechtal und weiter durch das Quellgebiet des Lechs am Formarinsee vorbei zur Freiburger Hütte. Eine technisch anspruchsvolle Abfahrt führte uns nach Dalaas. Nach Kaffee und Kuchen forderte uns noch ein schweißtreibender Aufstieg zum Kristbergsattel, welchem eine rasanten Abfahrt ins Silbertal folgte. Damit war der erste Tag beendet.

Tag 2: Silbertal – Ischgl (1.835 Hm, 52 km)
Der zweite Tag beginnt mit einer langen Fahrt durchs sonnige Silbertal, mit den schneebedeckten Gipfeln des Verwall als traumhafte Kulisse. Auf dem stetig an Höhe gewinnenden Weg zur Heilbronner Hütte, stießen wir auf eine Karawane von Mountainbikern mit ein paar Exoten (Bergwanderern) darunter. Durch den späten Kälteeinbruch dieses Jahr, mussten wir auf dem Weg zur Hütte, unsere Räder immer wieder durch Schneefelder und tiefe, durchnässte Almwiesen tragen und schieben. Dieses mühselige Fortkommen kostete uns viel Zeit und Kraft. Schon deshalb genossen wir das Mittagessen auf der warmen Hütte. Auf Schotterwegen ging es dann schnell hinab, vorbei am Kops-Stausee nach Galltür und Ischgl, wo wir übernachteten.

Tag 3: Ischgl - Schlinig (2.750 Hm, 58 km)
Nach der kräftezehrenden, gestrigen Etappe zur Heilbronner Hütte stand heute als erste Herausforderung der Fimberpass an. In den Ohren der Mountainbike-Alpencrosser ein bekannter Name. Viel Zeit zum Verdauen des Frühstücks und dem langsamen "In-die-Gänge-kommen" blieb uns heute nicht, denn praktisch direkt hinter unserer Unterkunft in Ischgl hieß es erst mal kleinster Gang bei 15% Steigung. Hier machten sich die schweren Beine sofort bemerkbar, vor allem wenn über den Köpfen die verlockende Seilbahn den gleichen Weg einschlägt. Nach diesem ersten schweren Stück, hieß es fortan jedoch nur noch genießen. In absoluter Stille und malerischer Landschaft ging es hinauf zur Heidelberger Hütte (2260 m). Dort angekommen blieb uns nicht viel Zeit zum Rasten, denn das nächste gefürchtete Schiebe-/Tragestück sollte direkt hinter der Hütte beginnen. Der Schrecken war uns dann doch relativ schnell genommen und die 400 Höhenmeter zügig gemeistert - fast schon zu schnell - bei so überwältigender Kulisse. Auf einer rettenden Insel im Schneefeld am Pass hieß es erst mal Gruppenfoto machen und sich kleidungstechnisch für die traumhafte Trail-Abfahrt vorzubereiten. Mit breitem Grinsen rollten wir schließlich auf einem kleinen Einsiedler-Gehöf in Griosch ein, und sahen uns das erste Mal mit schweizer Preisen konfrontiert.
Es sollte jedoch nur ein kurzer Abstecher in die Schweiz bleiben, denn nach kurzer Überquerung des jungen Inns bei Ramosch, stand schon der nächste heftige Anstieg mit 1200 Höhenmeter Richtung Sesvennahütte bevor. Es sollte eines der schwersten aber auch zugleich schönsten Teilstücke unserer Tour werden. Der aus der Felswand herausgeschlagene Weg durch die Val d’Uina-Schlucht faszinierte uns alle. Trotz dieser berauschenden Erlebnisse waren wir jedoch heilfroh letztendlich mit letzter Kraft auf der Sesvennahütte anzukommen und nach einer kurzen Abfahrt unsere Unterkunft in Schlinig zu beziehen. Mit einem reichhaltigen 3-Gänge-Menü konnten wir unsere Tanks wieder auffüllen und einen anstrengenden Tag, an dem wir übrigens die einzigen 20 Minuten Regen der gesamten Tour hatten, Revue passieren lassen.

Tag 4: Schlinig - Trafoi (1.690 Hm, 40 km)
Nach einer gewittrigen Nacht, erwartete uns wieder bestes Wetter und wir konnten uns auf den Weg in den Vinschgau aufmachen. Heute sollte es die leichteste Etappe der Tour werden. Im Tal angekommen kletterten auch gleich die Temperaturen, die Wassersprenkler der Obstbaumplantagen sorgten jedoch für (unfreiwillige) Abkühlung. Nach kurzem flachen Wegstück auf dem Vinschgau-Radweg über Glurns, hieß es jedoch schon wieder Abschied nehmen aus dem Tal, in dem wir bereits Anfang Mai mit dem DAV unterwegs waren.
Von Lichtenberg aus, führte uns der Weg über die Schartalpe, weiter oberhalb von Stilfs in Richtung Furkelhütte, bei der sich einem ein wunderschöner Blick auf das Ortler-Massiv bot. Bei einer leckeren Portion Kaiserschmarrn, hatten wir auch genug Zeit den Ausblick zu genießen, bevor es über einen knackigen Trail wieder abwärts nach Trafoi ging. Hier konnten wir auch glücklicherweise Walters gerissenen Schaltzug ersetzen und uns für den nächsten, schweren Tag mit dem Stilfser Joch vor der Brust ausruhen.

Tag 5: Trafoi – Santa Caterina (2.602 Hm, 61 km)
Bei idealen äußeren Bedingungen und einem ordentlichen Frühstück starteten wir also auf der Passstraße zum Stilfser Joch, dem höchsten Gebirgspass in Italien. Der Auto- und Motorradverkehr war zum Glück nicht so schlimm wie erwartet. So schraubten wir uns Kehre für Kehre in die Höhe und durften uns fühlen wie der legendäre Fausto Coppi, der diesen Pass beim Giro d`Italia ebenfalls schon unter den Reifen hatte.
Oben auf 2.760 m ü. NN. Stärkten wir uns dann kurz mit Riegeln und Broten und verließen den Touristenspuk so schnell als möglich. Souvenirläden, Cafés und Hotels sowie Shutleservices, die in regelmäßigen Abständen Rennradfahrer ausspukten, wirkten wenig anziehend auf uns.
Weiter ging es auf schmalen Pfaden zur Bocchetta di Forcola. Dieses Gebiet war im ersten Weltkrieg zwischen Österreich-Ungarn und Italien stark umkämpft. Noch heute zeugen aufgelassene Stellungen und Bunker vom Wahnsinn der Vergangenheit.
Wir lassen dies alles auf uns wirken und saugen die unglaubliche, mit einzelnen Schneefeldern durchsetzte Landschaft in uns auf.
Anfangs noch kraftraubend, durch Schneefelder schiebend, später auf feinen Trails surfend, ging es hinab in die Lombardei nach Bormio, wo wir uns mit Pasta für die restlichen km nach Santa Caterina stärkten.

Tag 6: Santa Caterina – Dimaro (2.305 Hm, 74 km)
Auch an unserem sechsten Tag blieb uns nicht viel Zeit zum Einrollen. Vielmehr ging es von Santa Caterina (1.731 m ü.NN.) schnurstracks hinauf zum Gaviapass (2.652 m ü.NN.).
Wir genossen kurz das traumhafte Wetter im Liegestuhl und machten uns dann an die rauschende Abfahrt auf der Passstraße Richtung Pezzo. In Case de Viso lassen wir uns ein ordentliches Mittagessen schmecken und sammeln Kräfte für den bevorstehenden Anstieg, der uns nochmal alles abverlangen wird. Die Landschaft um uns entschädigt aber für die Strapazen, welche wir bis zur Bozzi Hütte auf uns nehmen. Von der Hütte geht es nochmal 160 Hm schiebend bzw. tragend zur Montozzo Scharte aufwärts.
Die Abfahrt von der Montozzo Scharte hinunter auf den Lago Pian Palú ist landschaftlich und fahrtechnisch einfach der absolute Wahnsinn. Immer wieder müssen wir halten, um die Motive mit Alpenrosen, türkisblauem See und schneebedeckten Alpengipfeln auf Fotographien festzuhalten. Bei diesen Panoramen fällt es manchmal schwer, sich auf das Fahren zu konzentrieren.
Leider bringt uns die Abfahrt nicht nur Fahrspaß und atemberaubende Landschaften sondern auch ein paar blaue Flecken, eine lädierte Schaltung und eine gebrochene Speiche.
Die Fahrt bis nach Dimaro verläuft dann aber ohne weitere Komplikationen, so dass wir uns ohne großen Stress eine schöne Unterkunft suchen können. Die technischen Defekte werden behoben und beim Abendessen lassen wir diesen traumhaften Tag nochmals Revue passieren.
Es scheint, als könnten wir den Gardasee schon riechen.

Tag 7: Dimaro – Torbole (2.473 Hm, 88 km)
Der letzte Fahrtag lockt uns wieder mit einem traumhaften Wetter aufs Rad. Auch wenn die Beine schwer und das Sitzfleisch dünn sind, so freuen wir uns doch alle auf diese letzte Etappe. Wir starten also in die atemberaubende Schönheit des Naturparks Adamello-Brenta und gewinnen stetig an Höhe, in dem wir an einem klaren Gebirgsbach entlang radeln. Wie auf der gesamten Tour, treffen wir nur sehr wenige Gleichgesinnte und können auch deshalb, das Hier-und-Jetzt besonders genießen.
Aus unseren Gedanken und Träumen werden wir erst gerissen, als wir Madonna di Campiglio erreichen. Dieser kitschige Touristenort mit seinen riesigen Hotelbunkern und unzähligen Liftanlagen ist ein prima Beispiel für die Misshandlung des Alpenraumes.
Wir fahren zügig weiter und erreichen den größten Wasserfall der Brenta, die Cascate di Mezzo. Die Freude an diesem Schauspiel der Natur hält nur kurz, da wir kurz danach gleich zwei Plattfüße haben.
An gewaltigen Felswänden vorbei erreichen wir den Bärenpass und fahren ab ins Sarcatal. Auch hier bleibt uns das Pech an diesem Tage treu und wir haben erneut einen platten Reifen. So langsam werden wir nervös, da unsere Ersatzschläuche langsam aber sicher zuneige gehen. Wir beschließen eine Pause einzulegen und stärken uns bei einem kleinen Gasthaus mit Pasta. Als wir aufbrechen wollen, kommt was kommen muss, es ist wieder ein Reifen platt. Wir fassen es nicht und müssen schon darüber schmunzeln, was hier gerade passiert. Wir wechseln also erneut den Schlauch und brechen auf in Richtung Stenico. Eigentlich könnten wir ab diesem Moment auf befestigten Straßen unserem Ziel entgegen rollen. Jedoch sieht die Joe Route dies so nicht vor. So kämpfen wir uns, die letzten Reserven physisch und psychisch, aktivierend noch einmal 300 Hm durch praktisch unbefahrbare Waldwege nach oben. Die quälenden Mücken und Bremsen geben uns den Rest und treiben die Stimmung in den Keller. Umso erleichterter sind wir, als wir DEN Lago endlich das erste Mal erblicken. Endlich in Riva angekommen trotzen Matze, Andy und Walter dem Wind und den doch schon recht kühlen Temperaturen (es ist bereits 19:00 Uhr) und springen zur obligatorischen Taufe in den See. Zum Schluss ist uns das Glück aber noch einmal wohl gesonnen und wir finden ein wirklich schönes Hotel in Torbole direkt am See.
Wie auch schon die Jahre zuvor, gönnen wir uns noch einen Regenerationstag am Gardasee, um die Eindrücke sacken lassen zu können und richtig auszuspannen.
So gehen sieben Biketage zu Ende, in denen jeder Einzelne seine Grenzen erfuhr und viele tolle Eindrücke mit nach Hause nehmen kann.
Wir zehren noch heute davon und möchten euch warnen: Alpencross, eine Unternehmung mit absolutem Suchtpotenzial!!!

Von Hermann Mörlein, Matthias Wild und Bastian Weidinger.