01.08. - 10.08.08

Vom 1. bis zum 10. August 2008 fuhren Basti, Eric und Jens das ultimative Abenteuer eines jeden begeisterten Mountainbikers. Im folgenden geben Eric (Tage 1 bis 4) und Jens (Tage 5 bis 10) ihre Eindrücke wieder. Basti hat für die Bilder gesorgt, was auf der Tour sicherlich der unschönere Part war (das ewige Gefummel nach der Kamera).

1. Tag
Nürnberg – Garmisch (D)
Die Aufregung steigt! Heute geht’s los zum Alpencross. Schon bald wird sich zeigen, ob unsere Planung richtig war. Mehrere Monate Vorbereitung und intensives Training liegen hinter uns. Jetzt gibt’s kein zurück mehr. Noch einmal das Equipment gecheckt; Bike, Helm, Rucksack, alles drin und dran, na dann los. Hoffentlich ist jetzt alles an Bord! Ich trage mein Bike aus der Wohnung und radl die ersten zwei Kilometer zum Nürnberger Hauptbahnhof. Basti und Jens warten schon. Die Jungs haben sich auf dem Weg von Hersbruck nach Nürnberg schon mal warm gefahren.
Via Bayernticket geht es erst nach München. Dort kommt plötzlich Hektik beim Umsteigen auf, denn wir haben nur 10 Minuten Zeit. Also kurzerhand die Bikes zu Tretrollern umfunktioniert und so haben wir es gerade noch geschafft. Der Zug nach Garmisch ist gerammelt voll. Und so treffen wir auch schon auf den ersten ähnlich Verrückten. Ein Italiener, der mit dem Rennrad sage und schreibe 45 kg Gepäck auf Deutschlandtour durch die Gegend karrt. Dagegen sind unsere Rucksäcke von 7-8 kg schon wieder "leicht". Kein Wunder, daß der die Alpen komplett mit dem Zug überqueren will!
Mit einbrechender Dämmerung erreichen wir unser Quartier in Garmisch mit Blick auf die neue Skisprungschanze. Nach dem Essen sprechen wir die erste Etappe für morgen durch und gehen dann ins Bett. Nur schlafen kann ich nicht – am liebsten würde ich gleich losreiten; irgendwie bin ich hellwach!

2. Tag
Garmisch (D) – Landeck (A)
Endlich geht’s los. Nach dem Frühstück holen wir unsere Bikes aus dem Schuppen und satteln auf. Das erste Ziel ist Landeck. Unsere Route führt uns über den alten Fernpass und Imst zum Zielort. Zu Beginn nieselt es noch leicht, aber der Himmel reißt schnell auf und dann haben wir herrliches Wetter. Bei der ersten Querung unter den Bahngleisen hindurch holt sich Jens komplett nasse Füße. "Die Brühe war tiefer als gedacht", ist die schlaue Erkenntnis! Tja, das Los des Tourenguides: Immer vorne dran! Später nach einer rasanten Abfahrt erwischt unseren Führer dann auch noch der erste Plattfuß! Auf einer kleinen Lichtung ist Schlauch wechseln angesagt. Kurze Zeit später geht’s weiter. Ohne weitere Pannen kommen wir am Hotel in Landeck an. Doch mit unserer Reservierung stimmt was nicht. Das Hotel ist voll und wir werden an ein anderes nahegelegenes Hotel weitergeleitet. Doch bevor wir dahin aufbrechen, dürfen wir zur Entschädigung eine Runde im Pool schwimmen und machen zwei Saunagänge, um die Muskeln zu lockern. Auch unser Ersatzhotel ist gut belegt. Fast nur Rennradfahrer, die morgen an einem Radrennen teilnehmen. Nach 80 km mit Gepäck auf dem Rücken, sagt uns unser Hintern auch schon ganz gut bescheid was Sache ist. Nach dem Abendessen schauen wir uns noch kurz die Rennmaschinen der anderen Hotelgäste an und wenden uns dann der nächsten Etappe zu. Mit dem Wissen was uns morgen erwartet, hauen wir uns in die Falle!

3. Tag
Landeck (A) – Bodenalpe/Ischgl (A)
Um 7:30 Uhr klingelt wieder der Wecker. Nach dem Frühstück geht’s um 9:00 Uhr los. Heute wird’s hart – 2300 Höhenmeter bergauf und knapp 80km Strecke liegen vor uns! Aber wir haben beste Voraussetzungen: Frisch ausgeruht und mit super Wetter folgen wir dem GPS-Track auf immer leicht steigenden Schotterwegen. Dem ersten Bergsee mit traumhaft blauem Wasser können Jens und Basti nicht wiederstehen. 20°C da kann man sich schonmal ein Bad gönnen. Nach der kurzen Erfrischung geht’s weiter Richtung Heilbronner Hütte. Vorher machen wir aber auf der Konstanzer Hütte Mittag. Ab hier wird’s immer steiler. Über der Baumgrenze ist die Landschaft sehr karg und felsig. Der Weg wird immer schlechter und schon bald ist Schieben bzw. Tragen angesagt. Ca. 10 km lang müssen wir unsere Bikes immer wieder hochnehmen. Die letzten Meter über dem Gipfel sind richtig hart. Aber wir sind nicht allein. Vor und hinter uns sind auch kleine Bikergruppen auf dem Weg zur Heilbronner Hütte. An der Hütte angekommen mache wir nur kurze Rast und fahren dann wieder talwärts über Galtür nach Ischgl. Der Anstieg von Ischgl zur Bodenalpe von knackigen 400 Höhenmetern gibt uns für den Tag den Rest. Völlig fertig kommen wir am Tagesziel an. Nach dem Essen geht’s sofort ins Bett. So gut hat wahrscheinlich noch keiner geschlafen...

4. Tag
Bodenalpe (Ischgl) (A) – Lü (Schweiz)
Heute fahren wir in die Schweiz. Von der Bodenalpe geht es weiter bergauf. Unser Weg führt uns auf 2600 m über den Fimber-Pass. Die Abfahrt ist fahrtechnisch recht anspruchvoll. Große Felsen und Stufen prägen den Trail. Teilweise geht es ganzschön runter – ein Sturz hätte fatale Folgen. Kurz nachdem der Trail wieder zu einem richtigen Weg wird, kommen wir an eine kleine Hütte. Hier werden wir von einem älteren Ehepaar bewirtet, die hier oben ein "Aussteigerleben" führen. Es gibt selbst gemachte Wollwurst mit Brot. Sehr lecker! Nach dem Essen kriegen wir sogar noch Bilder vom glücklichen Leben der Wollschweine gezeigt. Tja, so scheint das Aussteigerleben zu sein: Gestern noch geknuddelt, heute schon in der Pfanne… ;-)
Gestärkt geht’s weiter talwärts nach Scoul. Hier decken wir uns noch schnell mit ein paar Riegeln für unterwegs ein. Jetzt geht’s wieder bergauf! Wir fahren über den Pass da Costainas (2251 m). Der Weg zieht sich ewig den Berg entlang. Leider wir das Wetter jetzt auch etwas ungemütlicher. Kühle Luft und Nieselregen; da müssen wir die Regenklamotten auspacken. Relativ spät kommen wir in Lü an. Nach kurzer Suche finden wir unsere Unterkunft. Ein echter Geheimtip! Wir haben ein super gemütliches Zimmer mit bequemen Betten und die Wirtin verwöhnt uns mit traditioneller Schweizer Küche und wäscht uns selbstredend all unsere mittlerweile stark aromatisierten Klamotten.

5. Tag
Lü (Schweiz) – Grosio (Italien)
Wir starten in Lü in dem Wissen, daß es zunächst Richtung Tal geht. Und wir fahren; runter, runter und immer wieder runter. Es ist kaum zu glauben: Nach dem Trail kann es nicht mehr weiter nach unten gehen… Aber nix! Die Abfahrt scheint endlos und wir schlängeln uns die fantastischsten Singletrails ins Tal. Schon die ganzen Tage wird dieser komplette Unterschied zu unserer heimischen Mittelgebirgslandschaft mehr als deutlich: Bei uns geht es im Zwanzig-Minuten-Rhythmus rauf und runter; hier sind es mehrere Stunden hinauf und auch die Abfahrten nehmen kein Ende…
Doch im Tal angekommen bleibt nicht aus, was unweigerlich folgen muß: Die nächste Auffahrt. Obwohl die Aussicht beim Hinauffahren fantastisch ist, wird die Freude getrübt, denn Eric klagt über starke Rückenschmerzen. Sinnvollerweise legen wir eine längere Schiebestrecke ein, Eric hängt den Rucksack ans Bike und wir kommen zwar nur sehr langsam voran, doch die Gesundheit geht nun mal vor! Zu allem Übel ist dann auch noch eine Straße auf unserer Route gesperrt. Der "freundliche" Bauleiter macht uns unmißverständlich klar, daß wir - obwohl es für Fahrräder problemlos machbar gewesen wäre - hier nicht weiterfahren dürfen. Also zähneknirschend der Umleitung folgen was uns ein paar Kilometer und nicht wenige Höhenmeter extra beschert. Wir nehmen uns vor, in der kommenden Nacht den Polier voodoomäßig um die Ecke zu bringen! Wenigstens meint es das Wetter gut mit uns. Bei strahlendem Sonnenschein erreichen wir Grosio. Wir fragen uns, wie trist das Kaff wohl erst wirkt, wenn es regnet?!?! Das Hotel ist gegen das Highlight in Lü eine kleine Enttäuschung, doch wir sind ja harte Jungs und auf Abenteuertrip; da ist man letztlich ja nicht wählerisch…

6. Tag
Grosio (I) – Precasaglio (I)
Heute wäre der Gaviapaß auf dem Programm gestanden; mit Sicherheit eine der anstrengensten Vorhaben auf dieser Tour. Doch wir drei waren uns einig: Es hat Vorrang, daß Eric wieder in die Gänge kommt und so nehmen wir die entschärfte Variante über den Passo della Foppa in Angriff. Daß mir an diesem Morgen der Super-GAU als Tourenguide passiert, ist dann schon wieder Ironie des Schicksals: Statt der geplanten Route zu folgen lasse ich mich von meinem GPS dazu verleiten, der Alternativroute des Vortags hinterher zu fahren. Erst nach 300 Höhenmetern und über einer Stunde Fahrt fällt mir mein Mißgeschick auf! Das ist so was von peinlich!!! Die Jungs nehmen es zum Glück sportlich und ich komme mit dem Versprechen, eine Runde auszugeben, davon.
Als wir endlich auf der Richtigen Route unterwegs sind, merken wir, daß dieser Foppa-Paß durchaus berechtigt seinen Namen trägt: Nicht nur er selbst foppt uns mit seiner nicht-enden-wollenden Serpentinensalve, sondern all die Rennradler, die diesen wohl allzuberühmten Teil des Giro d'Italia einmal im Leben gefahren sein müssen, demoralisieren. Sie fliegen scheinbar mühelos an uns vorbei während wir mit unseren Rucksäcken in der aufkommenden Hitze eher einen bemitleidenswerten Eindruck auf sie machen…
Schließlich schaffen wir auch diesen Anstieg und wir genießen die Abfahrt - auch wenn es diesmal nur auf Asphalt dahin geht. Über Ponte di Legno erreichen wir unseren Zielort und erstmals ist aufs GPS nicht so doll Verlaß: Hat es uns bisher immer sicher den Weg ins Quartier gewiesen, scheinen diesmal die Ortsdaten im Gerät nicht so richtig zu passen. Zum Glück entdecken wir Hinweisschilder, die den Weg zu unserem Bauernhof weisen. Ein urig umgebauter Hof mit eigener Käserei wird das Domizil für diese Nacht. Nun, der Geruch ist "Geschmacksache"; alles andere aber wirklich sehr schön!

7. Tag
Precasaglio (I) – Madonna di Campiglio (I)
Heute lockt der Montozzo! Eric fühlt sich wieder bedeutend besser und so wollen wir das Vorhaben wagen. Als unser Quartiergeber hört, daß wir mit den Rädern dort hinauf wollen, drückt er uns spontan einen Käseleib in die Hand - damit wir unterwegs nicht verhungern. Nette Geste, aber wir machen ihm klar, daß die Rucksäcke so voll sind, daß wir einfach nicht noch mehr reinstopfen können. Er akzeptiert und schenkt uns (ich glaube ein wenig mitleidig) ein Lächeln.
Voller Euphorie fahren wir los, doch nach nichtmal hundert Metern kracht und scheppert es bei Basti am Rad; und wie es manchmal so spielt: Kettenklemmer. Nach kurzer Inspektion entscheide ich, daß es nix hilft rumzufummeln. Also Kette mit dem Nietentool aufdrücken und gleich ein Kettenschloß eingesetzt. Weise Entscheidung, denn es sollte sich herausstellen, daß Bastis Kette heute extrem verklemmt reagiert…
Die Auffahrt zum Montozzo ist einfach nur ein Traum! Überwältigt von der Kulisse der Berge vergessen wir fast die Anstrengungen und sind beim ein oder anderen Blick nach hinten überrascht, in welch schwindelnde Höhen wir uns bereits gearbeitet haben. Eine Schafherde an den Berghängen sah vor einer halben Stunde noch aus wie achtlos hingeworfene Kiesel, dann (aus der Nähe gesehen) waren wir fasziniert von den Kletterkünsten dieser Tiere und wieder eine halbe Stunde später "kullerten" wieder hie und da kleine weiße Knäule über die Wiese.
Die Abfahrt vom Montozzo war die schönste der ganzen Tage. Ein Traum-Trail, der zwar weiter unten technisch etwas herausfordernd wurde, aber auf die lange Strecke gesehen DIE Genuß-Abfahrt der ganzen Tour! Basti bzw. seine Kette brachte es zwar fertig selbst bei diesen Bedingungen noch mal zwischen Kettenstrebe und kleinstes Ritzel zu rutschen, doch Dank des Schlosses ließ sich das jetzt schneller beheben.
Wir folgen dem Tal bis Dimaro, denn dort biegen wir ab und nehmen den zweiten Anstieg für diesen Tag in Angriff. Daß uns dieser Weg, der sich landschaftlich so reizvoll durch eine Schlucht windet, derart an unsere Grenzen führen würde, hatten wir nicht bedacht. Immer mehr Pausen machten aus der ohnehin fortgeschrittenen Zeit ein echtes Problem und unser Ziel kam und kam nicht näher! Als wir kurz nach halb zehn endlich unser Hotel erreichen, nimmt uns das verärgerte Küchenpersonal in Empfang. Sofort Essen, lautet die Order! Ohne Dusche und Umziehen stinken wir den Speisesaal kräftig ein. Ich kühle bei dem Unterfangen derart aus, daß ich mich auf dem Zimmer erstmal mit Schüttelfrost in die Badewanne packe. Für heute reicht es definitiv!

8. Tag
Madonna di Campiglio (I) – Torbole (I)
Die letzte Etappe! Wir können es noch gar nicht so richtig glauben. Zum Glück sind heute nur knapp 1000 Höhenmeter angesagt, denn uns steckt der gestrige Tag gehörig in den Knochen. Die Übernachtung in Madonna hat uns erstmal die letzten Kröten aus den Geldbeuteln gesaugt. Das war deftig: Für diese Nacht haben wir soviel bezahlt wie für die letzten drei zusammen. Vielleicht eine Strafgebühr wegen der Nachtschicht, die sie wegen uns einlegen mußten…
Was soll's! Wir nähern uns unserem Ziel und das gibt den erforderlichen Auftrieb. Mit jedem Kilometer wittern wir förmlich die Nähe des Lago: Immer mehr Obst wächst an den Wegen und die typischen Schottertrails künden von der baldigen Ankunft am großen Ziel.
Als wir 15 km vorm Ziel eine Eisdiele entdecken, gönnen wir uns bereits das erste Gutzerle, dem noch viele folgen sollen. Mit jedem weiteren Kilometer recken wir die Hälse höher: Irgendwo muß doch der See jetzt mal ins Blickfeld geraten! Doch schließlich die Überraschung: Erst unmittelbar vor der Ankunft am Ufer, bekommen wir die erste Sicht auf das Alpenmeer und die ist gleich so überwältigend, daß wir spontan die Fahrräder an einen Zaun lehnen und in die Fluten springen. Bis zuletzt war der See vor uns verhüllt, was sein Erblicken umso mächtiger über uns hereinbrechen ließ!
Was für ein Gefühl: Aus eigener Kraft eine Woche lang über vierzehntausend Höhenmeter zu diesem Ziel gefahren zu sein! Wir sind geschafft, begeistert und auch ein wenig stolz und ahnen bereits in einem tief versteckten Winkel unserer Köpfe: Das schreit nach Wiederholung…

9. Tag
Von Anfang an war dieser Tag zum Relaxen und Genießen am Gardasee eingeplant. Und es war wirklich eine Super-Idee. Badengehen, Pizzaessen, Rumhängen und Sonne tanken: Das mußte nach der Fahrerei einfach sein. Eine Alpenüberquerung ohne diese Belohnung wäre zwar auch ein eindrucksvolles Erlebnis gewesen. Aber dieser Tag war dann noch das Sahnehäubchen auf diesem rundum fantastischen Erlebnis.

10. Tag (Rückfahrt)
Rovereto (I) - Nürnberg (D)
Heute morgen ging es wieder früh auf die Räder. Es war schon fast wie in alten Tagen… ;-)
In einer guten Stunde waren wir vom Hotel zum Bahnhof gefahren und die Heimreise mit dem Zug entpuppte sich als durchaus ordentliche Möglichkeit, einigermaßen gut und schnell wieder in die Heimat zu kommen.
Auch wenn der Radwagon heillos überfüllt war und das Thema "Fahrradmitnahme" bei der Bahn mal auf andere Füße gestellt werden müßte (Ab München war das Radabteil nicht weniger begehrt.). Alles in allem sind wir mit einmal Umsteigen gegen sechs Uhr Abends wieder zu Hause gewesen.
Die Reise selbst hat noch lange nachgewirkt. Man könnte fast meinen, obwohl Rucksack, Rad und der Kerl an sich schon zu Hause waren, ist die Seele den Weg zurück ganz gemächlich gewandert. Immer wieder tauchen die Bilder der wundervollen Kulissen vorm inneren Auge auf und wir drei sind uns völlig einig: Reich ist, wer das erleben durfte!