18.07. - 21.07.13

Vierter Versuch einer Viertagesrundwanderung im Rätikon vom 18. bis 21. Juli 2013.

"Großvater, warum haben die Berge keinen Namen?", fragte Heidi. "Die haben Namen", erwiderte dieser, "und wenn du mir einen so beschreiben kannst, dass ich ihn kenne, so sage ich dir, wie er heißt." ... Nun beschrieb Heidi den Berg mit dem großen Schneefeld, auf dem der ganze Schnee im Feuer gestanden hatte und dann rosenrot geworden war und dann auf einmal ganz bleich und erloschen dastand. "Den erkenn ich auch", sagte der Großvater, "das ist die Schesaplana"
Den traumhafte Sonnenuntergang bei der Schesaplana, den Johanna Spyri in ihrem Kinderbuch "Heidi - Lehr- und Wanderjahre" 1880 mehrmals beschreibt, hat mich dazu bewogen, die schon lange geplante Schesaplanaüberschreitung in östlicher Richtung als DAV-Tour auszuschreiben. Zweimal, 2010 und 2011, durch starke Schneefälle im Spätsommer bedingt , sowie im letzten Jahr wegen gesundheitlicher Probleme, musste die Tour immer wieder abgesagt werden. Ein letzter Versuch sollte heuer für das lange Warten entschädigen ...
Die ZAMG in Innsbruck ( Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik ) gab für die beiden ersten Tourentage eine Wetterwarnung (Gewitter wahrscheinlich, lokal muss mit Sturmböen gerechnet werden) für den späten Nachmittag heraus. Für den dritten und vierten Tag wurde gutes Bergwetter vorhergesagt. Da der Aufstieg zur Mannheimer Hütte auf zwei Tage aufgeteilt war, sind wir davon ausgegangen, dass wir unsere Tagesziele noch vor einem eventuell aufziehenden Gewitter erreichen werden.
So sind wir an einem Donnerstag mitte Juli zur Mittagszeit von Brand aus in Richtung Oberzalimhütte aufgebrochen. Als Zustieg zur Unterzalimalm wählten wir den Glingaweg. Auf halber Strecke gönnten wir uns einen Schluck aus dem Naturdenkmal "Glingabrunnen", eine Reihe von Quellen, die ihren unterirdischen Zufluss aus dem Brandner Gletscher beziehen. Auf dem Zalimweg bis zur Mittleren Zalimalm setzte für eine halbe Stunde leichter Regen ein. Das soll dann aber auch schon der einzige Einsatz unseres Regenschutzequipments gewesen sein. Nachdem die Tagesausflügler die neu renovierte Oberzalimhütte (1.889m) verlassen hatten, waren wir die einzigen Übernachtungsgäste. Die Wetterwarnung hat sich am frühen Abend mit heftigen Regen - und Hagelschauern bestätigt. Aus der warmen Stube heraus konnten wir dann später zusehen, wie der Zalimweg unterhalb des Motta-Kopfes nach einem Murenabgang wieder passierbar gemacht wurde.
Am nächsten Morgen lud der Panüeler Kopf (2.859m) bei herlichem Bergwetter zur Gipfeltour ein. Zunächst führte uns der Weg gleich hinter der Hütte durch Latschen an Gelben Enzian ( Gentiana lutea / Blätter gegenständig ) und dem, vor der Blüte zum Verwechseln ähnlichen, stark giftigen Weißen Germer ( Veratrum album / Blätter wechselständig ) vorbei. Der Leibersteig, ein versicherter Steig, durchquert die Panüeler Nordwand und führt direkt zum Brandner Gletscher. Auf Grund der diesjährigen Wetterlage mussten wir hier sieben Altschneefelder queren bevor wir unser Rucksackdepot bei der Wasserversorgung der Mannheimer Hütte errichteten. Von da aus erklommen wir über den Ostgrat den Panüeler Kopf. Da wir die Mannheimer Hütte (2.679m) noch trocken erreichen wollten, sind wir nach kurzer Gipfelrast über das Firnfeld genussvoll auf Schuhen abgefahren. In der Hütte angekommen, beschlossen wir, den nahegelegenen Wildberg (2.788m) auch noch "mitzunehmen". Der Hüttenwirt Alois war sich sicher, dass das Wetter noch eine Stunde halten wird und wir deshalb unser Vorhaben gleich umsetzten sollten. Er sollte recht behalten - als wir satt und zufrieden nach dem Abendessen zum gemütlichen Teil des Hüttenabends übergingen, kam eine größere Gruppe "älterer Herren" ziehmlich durchnässt an, die den Aufstieg von Brand aus in einem Tag durchzogen.
Samstag, 20. Juli 2013 - strahlender tiefblauer Himmel ! - Ein Traumwetter für die Schesaplanaüberschreitung. Da der Brandner Gletscher nicht mehr auf dem direkten Weg überschritten werden soll, führt der Weg in einem ausgeholtem Rechtsbogen hinauf zum Schesaplanasattel. Ein Glanzpunkt des Aufstieges war der Abstecher auf den Schafkopf (2.792m). Vom Gletscher aus war der Gipfel über kurze Blockkletterei zu erreichen. Bei luftiger Gratwanderung führte der Weg anschließend weiter hinunter zum Sattel. Die Schweizer Grenze dort passierend ging es die letzten zweihundert Höhenmeter hinauf auf die Spitze der Schesaplana ( 2.964m) zum Gipfelkreuz mit der Innschrift: "Du bist der Herr aller Berge und König der Gipfel", dem höchsten Punkt im Rätikon. Nach einer ausgiebigen Gipfelrast bei bester Fernsicht führte uns der Abstieg über den Normalweg immer wieder über steile Firnfelderüber hinter zur Toten Alpe. Nach der Mittagspause auf der Totalphütte war der Lünnersee unser nächstes Ziel. Schade, dass der Wasserspiegel des Stausee sehr weit abgelassen war - Das Gelände am See erinnert eher an eine Kiesgrube als an eine traumhafte Bergwelt - mit der richtigen Kamerapositionierung ließen sich jedoch die Fotos aber auch hier gut gestallten. Die Douglasshütte, ein Riesengebäute-Komplex einschließlich Seilbahnbergsation, am Rande der Staumauer mit ihren hunderten Tagesgästen hatten wir nicht besucht; uns standen ja noch zwei Stunden Gehzeit bevor. Von der Staumauer aus ging es auf dem Saulajochsteig mit etwas Höhenverlust (1.900m) durch die Westflanke des Schafgafall und weiter hinauf zum Saulajoch (2.065m). Bevor wir unser Tagesziel, die Heinrich-Hueter-Hütte (1.766m), erreichten, konnten wir für unsere Blumenfreunde in den Ausläufern des Saulakopfosthanges noch eine ausgiebige Fotopause einlegen.
Bei tiefblauem Himmel sind wir zu unserer Sonntagstour über das Zimbajoch pünktlich um acht Uhr aufgebrochen. Der Weg Richtung Zimba führte zuerst kurz sanft bergan über Almgelände, um dann immer steiler zu werden. Schon bald erreichten wir die Latschengrenze. Weiter ging es in über einem dutzend Serpentinen immer steiler nach oben zum Einstieg in den Zimbajochsteig. Zahlreiche harmlose Schrofen waren da mit Drahtseilen gesichert - richtig klettern mußte man nicht. Einige Stellen kann man als exponiert bezeichnen, da das Gelände unter dem Steig in steile Kare abfällt. Also ein angenehmes Kraxelvergnügen für trittsichere und einigermaßen schwindelfreie Wanderer.
In 2.387m auf den höchsten Punkt des Tages auf dem Zimbajoch angekommen, mussten wir feststellen, dass die Route laut Karte über ein Respekt einflößendes Firnfeld und weiter über wegloses Gelände durch abfallendes Geröllfeld führt. Am unteren Ende war dann im Laufe des Abstieges wieder der Wanderweg zu erkennen. Nachdem eine Leiternpassage durchstiegen war, schlängelte sich der Pfad über Almwiesen hinab zur Sarotlahütte (1.611m). Diese wurde im Jahr 2000 nach der Zerstörung durch eine Lawiene neu errichtet. Gerade recht zur Mittagszeit für einen Kaiserschmarrn und einem frischen Weizen sind wir dort angekommen. Frisch gestärkt sind wir von hier aus dem Sarotlabach folgend, unserem Ausgangspunkt unserer viertägigen Rundtour über den Schesaplanagipfel und dem Zimbajoch hinunter nach Brand angelaufen. Am Alvierbach im Brandnertal angekommen unterschritten wir wieder die Tausendmetergrenze - der richtige Moment für ein wohltuendes Fußbad in einem Gebirgsbach.
In einem naheliegenden Caffee mit Blick zum "Heidiberg" ließen Manuela, Walter, Roland und ich diese gelungene Traumtour nochmals vor der Heimreise Revue passieren.

Norbert Sollner